Digitale Gesundheitsanwendungen bei psychischen Erkrankungen als Alternative zu konventionellen Therapieangeboten?

Psychische Erkrankungen

Seit einiger Zeit befinden sich digitale Gesundheitsanwendungen auf dem Vormarsch. Im Jahr 2019 schlug die Geburtsstunde für die App auf Rezept für Patienten und Patientinnen. Mittlerweile lassen sich neben körperlichen Erkrankungen wie Migräne, Übergewicht und Tinnitus auch Angststörungen und Depressionen digital therapieren.

Überforderung durch Beruf, Alltag und digitale Medien

Vom modernen Menschen wird immer mehr Einsatz und Leistung gefordert, sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext. Existenzielle Ängste, Sorgen um die Sicherheit der Arbeitsstelle und die Herausforderung, Kinder, Beruf und Haushalt unter einen Hut zu bringen, sorgt für zusätzlichen Druck, insbesondere bei alleinerziehenden und berufstätigen Personen. Dazu kommt noch die permanente Reizüberflutung im Alltag durch Smartphones, Computer und Fernseher. Wir Menschen haben immer mehr das Gefühl, immer und überall erreichbar sein zu müssen, was auch dem stärksten Nervenkostüm irgendwann schwer zusetzt.

Wenn körperliche Symptome Auswirkungen von nervlichen Anspannungen sind

Solche nervlichen Anspannungen machen sich nicht nur durch verschiedene körperliche Symptome, beispielsweise Bluthochdruck, Verspannungen und Kopfschmerzen, bemerkbar, sondern setzen eben auch der Psyche zu. Hohe emotionale und körperliche Belastungen münden dann immer häufiger in ein Burn-out oder Depressionen.

Seelische Erkrankungen sind der Hauptgrund für Frührente

Es sind nicht mehr die klassischen Rückenschmerzen, die der Hauptgrund für die Anträge auf Frührente sind. Psychische Erkrankungen, wie beispielsweise Depressionen oder Burn-out, sind in Deutschland mittlerweile Grund Nummer 1 für Frührente.

Im Jahr 2019 waren es mehr als 72.000 Beschäftigte, die Frührente anmelden mussten. Dies macht im Bereich der Erwerbsminderungsrenten einen Anteil von über 40 Prozent im bundesweiten Durchschnitt aus. Besonders gefährdet von seelischen Erkrankungen sind Personen mit einem hohen Leistungsanspruch. Hat man das Gefühl, stets über den eigenen Leistungshorizont gehen zu müssen, verschließt dies den Blick für die eigene Belastungsgrenze.

Wenn auch das Privatleben zu einem Stressfaktor wird

Dazu kommt dann noch der private Bereich, der seinerseits Stress verursachen kann. Kommt man nach einem harten Arbeitstag in ein ruhiges Zuhause, kann man sich regenerieren. Doch wenn auch zu Hause Beziehungsprobleme, kranke Angehörige oder anderweitiger Stress auf einen warten, fällt es schwer, abzuschalten und Körper und Seele die dringend notwendige Ruhe zu gönnen. Auch wenn Burn-out als „Managerkrankheit“ zu Bekanntheit kam, betrifft stressbedingte Erschöpfung nicht nur Personen in Chefetagen, sondern ebenso einfache Arbeiter oder Verkäufer.

Depressionen und Burnout
Depressionen und Burnout

Depressionen und Burnout sind immer noch schambehaftet

Auch wenn es sich in den letzten Jahren spürbar geändert hat, so ist die Erkrankung Depression nach wie vor ein Tabu in der Gesellschaft. Vielen Menschen fällt es einfacher zuzugeben, dass sie vor lauter Arbeit ausgebrannt sind als zu offenbaren, dass sie einfach nicht mehr können und keine Kraft mehr haben. Erstere Aussage klingt danach, dass man aufgrund harter Arbeit kraftlos ist, während die zweite Aussage eine innere Aufgabe vermuten lässt – und damit nichts, was man gerne vor anderen Menschen oder sich selbst zugeben möchte.

Burnout als Folge von chronischem Stress

Bei einem Burn-out handelt es sich um ein Syndrom, also eine Anhäufung verschiedener einzelner Symptome. Häufig ist Burn-out die Folge von chronischem Stress im beruflichen Kontext, wenn sich dieser einfach nicht mehr bewältigen lässt. Typisch für ein Burn-out sind jedoch nicht nur psychische Symptome, sondern auch körperliche, wie beispielsweise Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Schlafstörungen. Auch Angststörungen gehen häufig mit einem Burn-out einher, insbesondere beruflich erfolgreiche Personen haben häufig mit Versagensängsten zu kämpfen, eben weil sie im Beruf so erfolgreich sind und beruflicher Erfolg verpflichtet – zu immer weiteren Höchstleistungen.

Wichtig: Rechtzeitig professionelle Hilfe holen

Bei einem Burn-out ist es wichtig, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, denn unbehandelt werden sich die Symptome in mehreren Stufen verstärken. Das Ende vom Lied ist dann Verzweiflung und eine allgemeine Niedergeschlagenheit. In diesem Stadium gleiten zahlreiche Betroffene zusätzlich in eine Depression.

Für viele Betroffene gleicht es jedoch dem sprichwörtlichen Gang nach Canossa, wenn es darum geht, sich Hilfe zu suchen. Immer noch sind Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout schambehaftet. Dabei ist dieses Empfinden geradezu paradox, denn die verminderte Leistungsfähigkeit haben sich die Betroffenen häufig hart erarbeitet. Eben diese Überforderung im beruflichen oder privaten Kontext ist es schließlich, die häufig zu einem Burn-out oder zu Depressionen führt.

Lange Wartezeiten sind häufig

In Sachen Therapie von psychischen Erkrankungen ist Deutschland nach wie vor ein Entwicklungsland, denn Therapieplätze sind rar gesät und lange Wartezeiten bei Psychologen und Psychiatern üblich. Ein Schritt in die richtige Richtung war sicherlich die Einführung von Akutsprechstunden, die zu verkürzten Wartezeiten für Psychotherapien geführt haben. Dies allein ist jedoch nicht ausreichend, allein deswegen, da die Anzahl von Betroffenen stetig steigt.

Bis zu 20 Wochen Wartezeit sind üblich

So müssen Betroffene laut Bericht der Bundespsychotherapeutenkammer auch nach der Reform etwa sechs Wochen für einen ersten Sprechstundentermin warten. Bei eine Akuttherapie beträgt die Wartezeit immer noch etwa drei Wochen. Für eine reguläre Psychotherapie muss man dann richtig viel Geduld aufbringen, denn hier liegt die durchschnittliche Wartezeit bei fünf Monaten.

Die langen Wartezeiten für eine Therapie sind dabei für die Betroffenen selbst nicht nur eine Herausforderung, denn unbehandelt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Burn-out und Depressionen manifestieren, also chronisch werden. Die notwendige Therapie dauert dann noch länger – im Schnitt doppelt so lange.

Therapie nach Burnout
Therapie nach Burnout

Online-Kurse als Lösung bei langen Wartezeiten

Digitale Gesundheitsanwendungen machen als Alternativen zur klassischen Therapie vor Ort Hoffnung. Sie bieten schnelle Hilfe ohne Wartezeit. Das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG), das Ende 2019 verabschiedet wurde, bildet die Grundlage für eine Versorgung mit digitalen Gesundheitsanwendungen, auf die gesetzlich Versicherte in Deutschland Anspruch haben. Bezahlt werden diese digitalen Angebote von den Krankenkassen. Die Anforderungen an die Anwendungen sind hingegen seit April 2020 in der Digitalen-Gesundheitsanwendungen-Verordnung (DiGAV) geregelt.

Therapie von psychischen Problemen in Online-Kursen

Seit Herbst 2020 sind nun die ersten digitalen Gesundheitsanwendungen auf dem Markt. Diese erlauben es den Betroffenen inzwischen, psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Ängste in Online-Kursen anzugehen. Selfapy beispielsweise bietet individuelle Kurse für Personen mit leichten bis mittelschweren Depressionen. Diese Kurse basieren auf Techniken der kognitiven Verhaltenstherapien und der evidenzbasierten Theorien. Vermittelt werden die Inhalte mit Übungen, Texten sowie Video- und Audioclips. Außerdem erlaubt eine Chat-Funktion die Kommunikation mit Psychologen. Auch bei Panikstörungen und einer generalisierten Angststörung sind mittlerweile entsprechende Online-Kurse verfügbar.

Erfolge von digitalen Gesundheitsanwendungen lassen sich wissenschaftlich belegen

In einer Broschüre der Bundespsychotherapeutenkammer zum Thema digitale Gesundheitsanwendungen räumt man ein, dass diese bei psychischen Erkrankungen eine Ergänzung zu psychotherapeutischen Behandlungen sein können; ein Ersatz für den unmittelbaren Kontakt zwischen Patient und Psychotherapeut fehle jedoch. Goldstandard der Therapie bleibe damit weiterhin der persönliche Kontakt zwischen Patient und Therapeut.

Digitale Gesundheitsanwendungen als Ergänzung und nicht als Ersatz

Der Anspruch der digitalen Gesundheitsanwendungen ist es aber ohnehin nicht, klassische Psychotherapien zu ersetzen. Jedoch können Online-Kurse eine gute und ergänzende Alternative sein, beispielsweise für Patienten mit weniger schwer ausgeprägten Symptomen oder für Betroffene, die sich nur schwer in einem persönlichen Gespräch öffnen können. Darüber hinaus befinden sich digitale Gesundheitsanwendungen in der Lebenswirklichkeit zahlreicher junger Patienten, die grundsätzlich viele Angebote im digitalen Bereich nutzen. Entsprechend niedrig fällt für diese Personen die Hemmschwelle aus, sich Hilfe im digitalen Raum zu holen.

Tabuthema Burnout
Tabuthema Burnout

Studie ergibt positive Ergebnisse für digitale Gesundheitsanwendungen bei psychischen Erkrankungen

Digitale Gesundheitsanwendungen machen darüber hinaus ebenfalls Sinn, um lange Wartezeiten auf Therapieplätze zu überbrücken. In den USA und Australien sind digitale Gesundheitsanwendungen für psychische Erkrankungen bereits seit längerer Zeit ein anerkannter Standard. Eine australische Studie kam im Jahr 2020 entsprechend zum Ergebnis, dass sich mit digitalen Gesundheitsanwendungen kritische Lücken bei der Zugänglichkeit psychotherapeutischer Angebote schließen lassen. Auch die Berliner Charité konnte positive Auswirkungen von digitalen Gesundheitsanwendungen ermitteln.

So beschäftigte man sich in der Studie zur Wirksamkeit speziell mit dem Anbieter Selfapy und konnte erfreuliche Ergebnisse vermitteln. So sanken die depressiven Symptome der Online-Kurs-Teilnehmer durchschnittlich um knapp 40 Prozent. Dabei ließen sich die Symptome von 20 Prozent der Teilnehmer sogar auf ein minimales Niveau reduzieren. Angst-Symptome sanken um bis zu 44,7 Prozent. Besonders positiv stach heraus, dass sich die positiven Effekte auch noch drei Monate nach dem Abschluss der Online-Kurse nachweisen ließen.

Fazit: Angesichts der zunehmenden Zahl von psychischen Erkrankungen war es höchste Zeit, digitale Gesundheitsanwendungen auch für psychische Probleme zu öffnen. Dies ist auch in Sachen Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen in unser aller Alltag der richtige Schritt. Betroffene sollten sich nicht mehr dafür schämen, unter Burnout oder Depressionen zu leiden. Dies kann jedoch nur geschehen, wenn wir das Bewusstsein für psychische Erkrankungen verbessern. Anti-Stress-Programme in größeren Unternehmen sind hierbei das richtige Signal, können jedoch nur ein kleines Mosaik im Kampf gegen übermäßige Arbeitsbelastung sein.

Es muss ebenso akzeptiert werden, sich aufgrund psychischer Probleme krank zu melden, wie dies auch bei körperlichen Erkrankungen der Fall ist. In der Zukunft können gerade digitale Gesundheitsanwendungen bei psychischen Problemen eine wertvolle Unterstützung im Kampf gegen die Stigmatisierung der Betroffenen darstellen und gleichzeitig eine Ergänzung zu klassischen Therapieangeboten vor Ort sein.

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Quelle: Handelsblatt Journal – Ausgabe November 2021

 

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