Bedeuten Pflegeroboter das Ende der Menschlichkeit in der Pflege?

Betreuung im Alter durch einen Pflegeroboter

Kurze Vorgeschichte

Bis zu ihrem 87.Lebensjahr hatte meine Mutter eigenständig in ihrer Wohnung gewohnt. Dann war der Zeitpunkt gekommen, dass sie mehr Hilfe brauchte. Also habe ich mit ihr immer wieder diskutiert, ob es nicht gut wäre, in eine Seniorenresidenz umzuziehen. Meine Mutter wollte nicht. Sie wollte ihr eigenes Leben weiterführen. Sie wollte ihre Freunde und Bekannten und ihre Umgebung nicht verlieren. Deshalb hatte sie sich auch geweigert, zu mir in die Nähe nach Köln zu ziehen.

… und irgendwann gingen mir die Argumente aus, weil ich sie im tiefsten Herzen verstehen konnte. Also habe ich eine ganztägige Pflegekraft für sie organisiert. Irgendwann kam dann der Anruf, den ich immer befürchtet hatte. Die Pflegekraft hatte Mittagspause gemacht und in der Zeit hatte meine Mutter einen Schlaganfall erlitten und war auf die Tischkante gestürzt. Als die Pflegekraft wieder zurückkam, lebte meine Mutter noch, aber die herbeigerufene Ambulanz konnte ihr nicht mehr helfen.

Bei mir blieb immer die Frage: Hätte ich diesen Tod verhindern können, indem ich mehr auf die Seniorenresidenz gedrängt hätte oder musste ich mich einfach der Tatsache beugen, dass nach einem erfüllten Leben von 87 Jahren für meine Mutter die Zeit gekommen war?

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen und ich kann immer besser verstehen, dass meine Mutter in ihrer Wohnung weiter ein selbstbestimmtes Leben führen wollte.

Die vertraute Umgebung ist und bleibt wichtig – auch im hohen Alter

Je älter wir werden, desto weniger möchten wir unsere gewohnte Umgebung, unsere Freunde und auch unsere eigenen Rituale aufgeben. Dazu kommt, dass die stationäre Pflege derzeit am Rande ihrer Kapazität ist. Die demographische Entwicklung wird dazu führen, dass diese Überlastungssituation noch dramatischer wird. Im Moment kommt auf ein Kleinkind ein Mensch über 65 Jahre. In 20 Jahren werden auf ein Kleinkind zwei Menschen über 65 Jahre kommen. Wer soll diese Menschen denn pflegen? Deshalb ist eine der wichtigsten Aufgaben der Digitalisierung, die Pflegesituation zu verbessern. Aus meiner Sicht liegt die Zukunft in der häuslichen Pflege. Der ältere Mensch ist in Zukunft nicht nur häufiger anzutreffen als bisher. Er ist auch in unserer digitalen Zeit ein immer wichtigerer Teil der aktiven Gesellschaft.

Vertraute Umgebung im Alter
Vertraute Umgebung im Alter

Wir brauchen den Austausch von Menschen mit viel Lebenserfahrung und den Digital Natives. Diese bunte Gesellschaft wird immer häufiger städteplanerisch und durch Privatinitiativen berücksichtigt. Deshalb etablieren sich immer mehr Wohnformen, die Jung und Alt zusammenführen und voneinander profitieren lassen. In unserer mobilen Welt leben junge Familien häufig weit entfernt von den eigenen Eltern. Wenn dann mal die Kita geschlossen hat oder die jungen Eltern ausgehen wollen, dann freuen sie sich über „Ersatzgroßeltern“ in der Nachbarschaft. Einsamkeit und Isolation sind nämlich nicht nur für Senioren große Probleme. So entstehen Gemeinschaften, die aufeinander aufpassen und sich gegenseitig unterstützen. Damit Senioren möglichst lange in diesen Gemeinschaften leben und wirken können, sind digitale Hilfen erforderlich. Dazu gehören:

Eine medizinische Überwachung rund um die Uhr, um den Gesundheitszustand zu erfassen und bedenkliche Veränderungen bzw. akute Gefahrensituationen zu erkennen.

Für sich allein gibt es diese Helfer schon. Am Handgelenk können wir wichtige Funktionen des Herz–Kreislauf-Systems messen.

Intelligente Toiletten können unseren gesamten Stoffwechsel erfassen und auswerten und es gibt bereits Matratzen, die ausführlich die Schlafqualität messen. Besonders wichtig ist bei diesen Matratzensensoren das Erkennen von nächtlichen Atemaussetzern. Komplettiert werden die Assistenzsysteme durch intelligente Analysewaagen. Sie messen nicht nur das Gewicht, sondern auch Fett- und Muskelanteil. Wenn der Muskelanteil zu schnell schwindet, kann man frühzeitig mit Training gegensteuern. Die Waagen haben aber eine weitere ganz wichtige Funktion: sie erkennen den Wassergehalt des Körpers. Eines der wichtigsten Probleme des Älterwerdens ist die zunehmende Dehydrierung.

Diese Analysen zusammengenommen lassen den Gesundheitszustand gut überwachen. Wichtig ist dabei, dass die Werte regelmäßig erhoben werden. Dazu brauchen die Geräte nicht einmal die höchste Präzision. Hauptsache ist, dass wir an den regelmäßigen Messungen Veränderungen erkennen. Sie sind das Frühwarnsystem, das selbst den regelmäßigen Arztbesuch schlägt, weil es täglich mit Daten gefüttert wird.

  1. Praktische Hilfe bei Alltagssituationen im Haus. Das beginnt bei kleinen Haushaltsarbeiten und geht bis zur persönlichen Assistenz der pflegebedürftigen Person und Erinnerung an Medikamenteneinnahme und Trinken und Essen.
  2. Unterhaltung und Abwechslung für die einsamen Momente. Um meine Mutter vor mehr als zehn Jahren zu sehen und zu besuchen, bin ich jeweils mehr als 100 Kilometer weit gefahren. Heute könnte man über Video mit den eigenen Kindern, Enkeln, Freunden und Bekannten verbunden werden.
Medizinische Überwachung rund um die Uhr
Medizinische Überwachung rund um die Uhr

Ein spannendes Projekt in Sachen Betreuung im Alter: Ein Pflegeroboter

Auf der Suche nach Möglichkeiten, mit Digitalisierung die Pflegesituation zu verbessern, habe ich Isidro Fernandez getroffen.

Er ist ein engagierter Unternehmer mit hoher sozialer Verantwortung. Seine technischen Fähigkeiten und sein soziales Engagement hat er genutzt, um ein neues Projekt mit seinem Unternehmen Bumerania zu starten. Er war auf der Suche nach einem Roboter mit geringen Grundkosten, der das Potenzial hat, in jedem Haushalt als Helfer zu wirken. Er wurde in China mit „Temi“ fündig. Dieser Roboter bringt solide Grundfunktionen mit sich und liefert damit die ideale Basis für sein Vorhaben. Fernandez entwickelte mit seinem Team in Rekordgeschwindigkeit Softwareprogramme, die aus Temi einen Helfer für ältere Menschen machten. Den Assistenzroboter  „Geras“.

Der Roboter ist inzwischen schon so weit, dass er drei große Funktionsbereiche abdeckt:

Tele Medizin

Der Roboter ist mit Körpersensoren und einer Analysewaage verbunden. Damit überwacht er alle wichtigen Funktionen seines Schützlings: Blutdruck, Herzrhythmus, Körpertemperatur, aber auch Gewicht, Fett- und Muskelanteil sowie den Flüssigkeitshaushalt. Wenn einer der Werte bedenklich ist, wird automatisch der in das Netzwerk integrierte Arzt hinzugezogen Bei akuter Gefahr geht das in Sekundenschnelle. Das System lernt die Gewohnheiten und auch die typische Körperhaltung seiner Kontaktperson. Bei plötzlichen Änderungen, wie etwa bei einem Sturz, wird sofort Alarm ausgelöst.

Service

Der Roboter erinnert den Patienten an die rechtzeitige Medikamenteneinnahme und ausreichendes Trinken.

Kommunikation und Entertainment

Bei Bedarf stellt der Roboter eine Telefon- oder Video-Verbindung zu Familie,  Bekannten und Freunden her. Und wenn gerade niemand erreichbar ist, dann ist Temi Spielpartner oder sucht die Lieblingsmusik bzw. die Lieblingsfilme seines Schützlings heraus.

Bumerania hat diese Software in Rekordgeschwindigkeit entwickelt und arbeitet immer weiter an der Verbesserung. In Spanien haben schon die ersten Seniorenresidenzen den Roboter unter Vertrag genommen und er arbeitet in einigen Testgebieten in Privathaushalten. Isidro hat sein Projekt international aufgestellt. Er ist in England, Italien, Portugal und in vielen südamerikanischen Ländern vertreten. Eine Dependance in den USA in Atlanta ist geplant, da er seine Softwareentwicklung in Zusammenarbeit mit der University of Atlanta durchführt. Seine Vision ist, dass dieser Roboter in Zukunft für jeden Haushalt erschwinglich ist. In Spanien zahlen teilweise bereits private Versicherungen diesen Roboter.

Ist das nun der Anfang vom Ende der menschlichen Pflege?

Aus meiner Sicht ganz und gar nicht. Es ist die perfekte Ergänzung. Kein Mensch kann permanent die wichtigsten Körperfunktionen einer anderen Person überwachen. Für solche Routineaufgaben ist technische Hilfe da. Die Pflegekraft hat dann mehr Zeit, sich dem Menschen zu widmen und um die Bedürfnisse nach menschlicher Zuwendung zu kümmern. Start frei also für Roboter für eine menschliche und menschenwürdige Pflege.

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