Interview mit Dr. Paul Hadrossek – Sein Herz schlägt für die Digitale Medizin

Interview mit Dr. Paul Hadrossek

Auf der Suche nach innovativen Medizinern, die einen massiven digitalen Fußabdruck hinterlassen, kommt man nicht an Paul Hadrossek vorbei. Als ausgebildeter Zahnmediziner beschäftigte ihn schon als Oberarzt in Münster immer die Frage wie Versorgungsstrukturen in der Medizin patientenzentrierter, effizienter und qualitätsorientierter gestaltet werden könnten. Deshalb baute er kurzerhand selber ein zahnmedizinisches Versorgungszentrum nach seinen Vorstellungen einer innovativen ärztlichen Arbeit auf.

Seit 2017 treibt er mit der Digital Health Plattform Heartbeat Labs die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft voran. Dabei gründet Heartbeat Labs eigene Startups, investiert in bestehende Digital Health-Unternehmen und ist Partner für etablierte Player im Gesundheitsmarkt. Bekanntestes „Baby“ dieser Plattform ist das Telemedizin Startup Kinderheldin. Seit Oktober 2020 ist er zudem Vorstandsmitglied im Spitzenverband digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV). Wir lernten uns bei einer medizinischen Fortbildung kennen und merkten gleich, dass wir in ähnliche Richtungen denken. Seitdem tauschen wir uns regelmäßig aus und ich bin immer wieder begeistert von seinem Enthusiasmus und seinem Tatendrang.

Interview mit Dr. Paul Hadrossek

Wie kamst Du von der Zahnmedizin zum digitalen Unternehmertum?

Neben der fachlichen Arbeit am Patienten haben mich von Beginn meiner Tätigkeit an auch immer die Strukturen und Abläufe außerhalb der direkten Arzt-Patienten-Interaktion beschäftigt. Dadurch kam bei mir unweigerlich die Frage auf: Ist das, was wir hier machen, eigentlich noch zeitgemäß? Patienten werden mit sehr hohem Aufwand analog durch unser Gesundheitssystem geschleust, Ständige Informationsdefizite, fehlende Kommunikation oder Doppeluntersuchungen. So bin ich fast schon logisch über die Stationen als Assistenz- und Oberarzt einer Uniklinik, dem Umbau einer Praxis zu einem Medizinischen Versorgungszentrum zum digitalen Unternehmertum gekommen, weil mich stets das Gefühl nicht losließ, dass es an der Schnittstelle noch eine Menge Aufholarbeit gibt.

Was sind aktuell deine wichtigsten Projekte?

Der übergeordnete Fokus meiner Projekte liegt darin, die Patientenversorgung und die geleistete Arbeit im Gesundheitssystem maßgeblich in den Punkten Effizienz und Qualität für die Beteiligten zu verbessern. Mit Kinderheldin habe ich zum Beispiel früh einen Telemedizinanbieter aufgebaut, der niedrigschwellige Unterstützung in der Schwangerschaft und Babyzeit ermöglicht. Dabei arbeiten wir mit über 50 Krankenkassen zusammen. Zusätzlich kooperieren wir auch mit Städten, Arbeitgebern und Klinken. Durch die Arbeit an Kinderheldin habe ich das Gesundheitssystem nochmal von einer anderen Seite kennengelernt und konnte gleichzeitig viel über die Sichtweise anderer Innovationstreiber aus dem Startup-Ökosystem lernen. Auf dieser Seite bringt das Gesundheitssystem natürlich auch viele Hürden mit, z.B. die Regulatorik, tradierte analoge Strukturen und antiquierte Ansichten.

Für den Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) vertrete ich daher als Vorstandsmitglied die Interessen von über 100 Gesundheitsstartups und engagiere mich dafür, die Diskussion rund um Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), Telemedizin und andere digitalen Lösungen für den Gesundheitsbereich sowohl auf politischer Seite als auch für alle Beteiligten voranzutreiben.

Zusätzlich unterstütze ich frühphasige Startups bei den üblichen anfänglichen Problemen, aber auch etablierte Unternehmen aus dem Gesundheitssektor bei der Herausforderung, im aktuellen Wandel der Digitalisierung nicht den Anschluss zu verlieren.

Dr. Paul Hadrossek
Dr. Paul Hadrossek

Was bedeutet für Dich Patient Centricity?

Alles! Wenn wir ehrlich sind, ist die Medizin aus Jahrhunderte alter Tradition immer noch weitestgehend so aufgebaut, dass an vielen Stellen der Arzt im Mittelpunkt des Geschehens steht. Fast alles dreht sich um Ihn: sein Urteil, sein Tagesablauf oder auch um seinen Spagat zwischen Patienten und Abrechnungsmöglichkeiten. Patient Centricity lässt den Arzt erstmal außen vor. Der Patient steht komplett im Mittelpunkt. Jeder Aspekt, den ein Patient auf seiner Reise durchlebt, sollte aus Sicht des Patienten betrachtet werden: allgemeine Fragen zur Gesundheit, erste konkrete Symptome, Suche nach einem geeigneten Ansprechpartner, Diagnose, Erkrankung, Therapie, Nachkontrolle etc. Wenn jeder dieser Punkte so gestaltet ist, dass es für den Patienten bestmöglich läuft, ist dies die optimale Patientenzentrierung.

Wie ist deine Vision vom Arzt Beruf der Zukunft?

Das ist vielleicht für viele im ersten Moment befremdlich, aber der Arzt wird relativ zeitnah an bestimmten Stellen der Patient Journey überflüssig werden, z.B. bei der Abfrage von Daten, bei der Auswertung von Ergebnissen, bei den Diagnosestellungen und auch sogar bei der Therapieentscheidung und Nachbetreuung. Viele dieser Aufgaben kann man heute schon automatisieren. Jetzt fragen sich vielleicht viele, brauchen wir irgendwann überhaupt noch Ärzte?

Aber in meinen Augen kann genau das Gegenteil passieren. Die Medizin hat damit die Chance, wieder persönlicher und menschlicher zu werden, trotz der Digitalisierung. Der Arzt hat die Möglichkeit an der Stelle, an der er den größten Wert generiert, den größten Unterschied zu machen. Dieser liegt in der erfolgreichen Versorgung von Patienten nämlich bei dem persönlichen Umgang mit Ihnen. Ärzte können wieder in die Position kommen mehr Zeit für den Patienten zu haben, Aufgaben besser zu delegieren, sich umfangreicher persönlich im Gespräch auf Patienten einzulassen. Wenn wir die Veränderungen, die auf uns zukommen, nicht realisieren und aktiv gestalten, macht wir uns ansonsten in der Tat überflüssig. Dann kümmern sich die großen Vier (Google, Amazon, Facebook & Apple) demnächst komplett um unsere Gesundheit. Und ein Stück weit tun Sie das ja schon. Wenn wir jetzt denken, dass das nicht passieren kann, muss man sich nur ein bisschen umgucken. Die Deutsche Bank dachte auch bis vor kurzer Zeit, dass online Banking sich nicht durchsetzen kann. Für die Sparkassen waren die Filiale und der Bankschalter der Schlüssel zum Glück und das Beste was dem Kunden passieren kann. Heute haben drei Jahre alte Online Banken zum Teil mehr Kunden als die Commerzbank.

Daher mal folgende Fragen: Ist es noch zeitgemäß, als Patient zwei Stunden im Wartezimmer zu sitzen, um kurz mit dem Arzt zu reden? Wenn mein Hausarzt mich zum Facharzt schickt, wieso muss ich dann dem Facharzt erzählen, was der Hausarzt bisher rausgefunden hat? Wieso überlegt mein Kardiologe zweimal ob er zur Sicherheit ein 24 Stunden EKG macht, während meine Smartwatch eine erste Einschätzung aus dem letzten halben Jahr ableiten kann?

Was sollte ein niedergelassener Arzt tun, wenn er die ersten Schritte in die Digitalisierung wagen will?

Also aus meinen Erfahrungen lässt man im ersten Schritt hin zur Digitalisierung das Digitale erstmal zur Seite und geht einen Schritt zurück.

  1. Im ersten Schritt sollte man erstmal den eigenen Status Quo abseits der Digitalisierung reflektieren: Wer bin ich? Was kann ich? Was kann ich nicht? Wie ist meine Praxis aufgebaut? Wie ist mein Team aufgebaut? Wie funktionieren wir im Team? Was erlebt der Patient bei uns? Was brauch der Patient von uns?
  2. Im zweiten Schritt überlegt man, welche Abläufe analog optimal funktionieren oder verbessert werden müssen.
  3. Im dritten Schritt nimmt man einen Ablauf, der gut funktioniert und überlegt, ob man hier durch eine digitale Variante etwas vereinfachen, Zeit sparen und/oder Qualität verbessern kann.

Und wenn das geklappt hat und man Erfolg hatte, nimmt man sich die nächsten Themen vor. Und das Ganze wiederholt man einfach und erfreut sich am Erfolg. Ein Prozess, der vorher schlecht ist, wird durch eine digitale Alternative nicht besser. Das verwechseln die Leute meistens wenn es um Digitalisierung geht.

Deutschland belegt bei der Digital Medizin international regelmäßig letzte Plätze. Was muss aus deiner Sicht geschehen, damit wir in den Ranglisten klettern?

Ja leider. Bei dem Thema halten wir es in den letzten Jahren immer wie mit der Teilnahme beim Eurovision Song Contest: Immer so auf den letzten Plätzen. Allerdings haben wir im Internationalen vergleich eine immer noch gute medizinische Versorgung. Das ist Fluch und Segen zugleich. Wir sind meistens zu bequem, um Dinge, die Ok sind zu hinterfragen und zu verbessern. Deshalb müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass auch hier in Deutschland sehr viele Menschen unnötig sterben aufgrund fehlender Kommunikation, Fehlverschreibung, falscher Therapien usw. Das ist nun mal absolut vermeidbar und auch fahrlässig. Eine Studie aus dem British Medical Journal aus 2013 legt nahe, dass diese Gründe die dritthäufigste Todesursache in den Industrienationen sind. Und das akzeptieren wir? Auch hier müssen wir wieder einen Schritt zurückgehen und stark umdenken. Ärzte können nicht 24 Stunden Schichten schieben und am Ende der Nacht Entscheidungen über Leben und Tod treffen.

Vortrag von Paul Hadrossek beim Web Summit
Vortrag von Paul Hadrossek beim Web Summit

Dazu fehlen Informationen über Patienten, digitale Informationen sind unvollständig oder mangelhaft. Alle Beteiligten im System gehen über Ihre Grenzen. Dazu muss Digitalisierung als Chance gesehen werden, Prozesse zu entlasten. Wir haben einen weiten Weg vor uns, aber wir müssen Ihn gehen. Wir müssen aber bei den Versuchen auch Fehler akzeptieren und die Chance wahrnehmen Sachen immer wieder anzupassen oder zu verbessern. Da muss ein riesen Umdenken stattfinden. Wie versuchen immer alles zu Perfekt zu denken, bevor wir uns trauen es unter Echtzeitbedingungen zu probieren. Aber Innovationszyklen werden immer kürzer. Wir können nicht bei jeder Technologie 10 Jahre abwarten, bis es anderswo fünf Jahre lang bereits erfolgreich funktioniert. Wir müssen solche Themen im Frühstadium schnell testen, weiterentwickeln und wenn eine Erfolgsaussicht gegeben vergrößern und wieder anpassen. Und das immer und immer wieder. Nur so bekommen wir die Digitalisierung sinnvoll ins System.

Wie wahrscheinlich ist für dich die Vision, dass demnächst Unternehmen wie Google und Amazon den deutschen Gesundheitsmarkt beherrschen?

Aus anderen Branchen sind wir gewohnt, dass Tech Riesen aus anderen Ländern auch nach gewisser Zeit die inländischen Märkte inhaltlich und wirtschaftlich dominieren. Was in Wirtschaftsfeldern funktioniert, weil diese Märkte auf ähnlichen wirtschaftlichen Konstrukten beruhen, ist im Gesundheitsmarkt nicht eins zu eins übertragbar. Das zeigt auch die bisherige Entwicklung. Die Spielregeln und die einzelnen Stakeholder im deutschen Gesundheitsmarkt entscheiden sich doch beispielsweise stark vom amerikanischen oder dem chinesischen Markt. Aber in einzelnen Teilgebieten werden Gesundheitslösungen aus diesen Märkten auch bei uns sehr erfolgreich werden und unsere Lösungen überholen.

Dann gibt es natürlich immer die großen Datenschutzbedenken. Aber mal andersherum gefragt: Wenn ich an Krebs erkranke und die Wahl habe zwischen der Medikamentösen Tumortherapie durch deutsche Ärzte oder dem Google Algorithmus, der aufgrund von Individual-Daten und Livetracking eine erwiesener weise 30% höhere Erfolgswahrscheinlichkeit hat, wäre mir dann wichtig, ob Google in Zukunft diese Daten weiterverwertet? Momentan haben die großen Techplayer noch Probleme Ihre Modelle 1:1 auf den deutschen Markt zu übertragen. Allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, dass diese Hürden gemeistert werden. Und dann entscheidet der Patient, was ihm wichtig ist.

Disruption ist ein Zauberwort für Innovation, dass wir aus den anderen Branchen kennen und für viel Umdenken gesorgt hat. Welches ist für dich das eindrucksvollste Beispiel von Disruption im Healthcare Bereich?

Ich finde die Disruption, die wir aus anderen Sektoren kennen, wie z.B. der Online-, Reise-  oder Finanzbranche ist im Healthcarebereich etwas anders zu betrachten. Es gibt nicht diesen einen Gamechanger, dafür ist dieser Markt viel zu vielschichtig. Trotzdem gibt es natürlich extrem spannende Entwicklungen in vielen Teilen im Healthcare Bereich.

Ein gutes Beispiel sind zum Beispiel die mRNA Impfstoffe, die natürlich aufgrund der aktuellen Situation rund um Covid auch eine riesen Aufmerksamkeit erlangen. Die Produktion solcher Impfstoffe wird deutlich vereinfacht und ist viel besser zu skalieren. So wird es gerade im Bereich Biotech einige Gamechanger geben, die in meinen Augen einen ähnlichen hohen Impact wie das Internet damals haben können.

In der Patientenversorgung als solches müssen wir da etwas bodenständiger und realistischer sein. Vielen fällt es nicht direkt auf, aber die Einführung der E-Akte in Deutschland ist ein echter Meilenstein. Das werden wir alle nicht sofort merken aber wenn wir hier in den nächsten Jahren etwas Arbeit reinstecken und uns darauf einlassen, kann auch das einen riesen Impact haben, vieles vereinfachen und Leben retten. Keine Stille Post mehr zwischen Patienten, Ärzten und den Kollegen, ein Ort mit den wichtigsten Unterlagen. Leider muss die Faxgeräte Industrie dann ggf. Ihr Business überdenken, aber ich glaube das ist ohnehin überfällig.

Und dann ist da eine Disruption, die schon passiert ist, aber auch in den nächsten Jahren noch viel Arbeit Bedarf: das Thema DiGAs (Digitale Gesundheits-Anwendungen). Apps, die Patienten helfen, von Ärzten verschrieben werden könne und von den Kassen erstattet werden. Damit können wir im internationalen Vergleich einen echten Sprung nach vorne machen.

Investor Paul Hadrossek
Investor Paul Hadrossek

Du bist ja auch Investor. In welche Technologien würdest du aktuell investieren?

Wie schon beschrieben ist das Thema Biotech ein sehr spannender Markt mit extrem viel Potential. Im Bereich digitale Technologien werden die Themen Bilderkennung und KI extrem an Bedeutung gewinnen. Die Radiologie erlebt es bereits. Andere Bildintensive und gut zu strukturierende Bereiche wie die Pathologie werden durch diese Technologien Quantensprünge machen. Auch bei der Früherkennung sowie Prävention wird KI eine riesen Rolle spielen. KI gestützte Erkennung von Anomalien anhand von Stimmbildern? Heute schon möglich und extrem spannend.

Was macht aus Deiner Sicht die Medizin von morgen erfolgreich?

Eine kritische Reflektion, was wir in der Vergangenheit in der Medizin gemacht haben und was der Status quo ist, finde ich vorneweg sehr wichtig. Dann müssen wir die Frage klären, wo wir in Zukunft hinwollen und was der zeitlose Grund von Medizin ist. Ich bin der Meinung, Medizin dient einzig dem Wohle des Patienten. Die Ausgestaltung der Medizin der Zukunft muss sich diesem Ziel unterordnen. Dann sollten wir alle unsere Egos zur Seite legen und einfach anfangen, die Medizin in der Zukunft kontinuierlich mit den immer neuen Möglichkeiten, die uns der digitale Fortschritt bringt, zu verbessern. Wenn wir es dann schaffen nicht nur reaktiv zu agieren, wenn Patienten bereits krank sind, sondern die Möglichkeiten nutzen, viel stärker in präventiven Strukturen zu denken, dann wird die Medizin von Morgen ein Erfolgsmodell.

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Herzlichst Ihr Gerd Wirtz
www.facebook.com/Dr.Gerd.Wirtz

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