Digitale Helfer bei Epidemien

Digitale Helfer bei Epidemien

Schnelle Hilfe in der Medizin durch digitale Helfer. SARS, Schweinegrippe, EHEC, Ebola oder jetzt Corona – in den letzten 20 Jahren gab es immer wieder Epidemien. Ein Mittel, um beim Ausbruch von hoch infektiösen Erkrankungen in Zukunft schnell und effektiv handeln zu können, ist eine konsequente Digitalisierung in der Medizin.

Vorhersage der Ausbreitung durch künstliche Intelligenz

Bereits im Dezember 2019 warnte ein digitaler Helfer, ein geschriebener Algorithmus der kanadischen Firma BlueDot vor dem Ausbruch einer neuen Krankheit im chinesischen Wuhan und konnte zudem den weiteren Verbreitungsweg voraussagen – zehn Tage vor den offiziellen Warnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die künstliche Intelligenz (KI) des Unternehmens durchsuchte dazu regionale Nachrichten in 65 Sprachen, offizielle staatliche Gesundheitswarnungen, sowie Foren und Blogs. Zudem hat das Programm Zugriff auf internationale Fluggastdatenbanken. Insbesondere die Flugdaten haben der KI die korrekte Vorhersage der Ausbreitung in den ersten Tagen ermöglicht.

Wissen statt Spekulation

Auch hierzulande sind digitale Daten das entscheidende Werkzeug, um schnell handeln zu können. Beispiel elektronische Patientenakte (ePA): Mit den in der ePA gesammelten Daten könnten alle Risikopatienten sofort identifiziert und von ihrem Hausarzt oder ihrer Krankenkasse kontaktiert werden. Im Fall vom Coronavirus wären das beispielsweise Patienten mit Lungenerkrankungen oder auch immungeschwächte Patienten. Auch ein Screeningtool könnte man in die Patientenakte integrieren mit gezielten Fragen zur weiteren Diagnose wie: Haben Sie Fieber? Trockenen Husten? Bei Auffälligkeiten könnte man diese Personen sofort testen.

Individuelle Präventionsmaßnahmen durch digitale Helfer ermitteln lassen

Aber nicht nur Risikopatienten profitieren: Durch Algorithmen können wir sehr genau bestimmen, welches Risiko für eine Erkrankung jeder einzelne hat. Verbindet man Daten zu Gesundheitszustand und Lebenssituation miteinander, lassen sich individuelle Präventionsmaßnahmen ableiten. Dies könnte für einen Rentner mit Vorerkrankung bedeuten, dass er seine Lebensmittel weiterhin im Supermarkt um die Ecke einkauft. Weil er zu einer Risikogruppe gehört, sollte er auf seinen Skatabend und seinen Schwimmkurs lieber verzichten und außerdem zusätzliche Hygienemaßnahmen wie Händedesinfektion berücksichtigen. Eine gesunde berufstätige Frau, die viele Dienstreisen per Flugzeug macht, müsste hingegen nur eine zeitlang auf ihre Flugreisen verzichten.

Desinfektionsmittel und Mundschutz
Desinfektionsmittel und Mundschutz

Daten bedeuten in diesem Zusammenhang Wissen statt Spekulation: Differenzierte Hinweise könnten pauschale Maßnahmen ersetzen. Wenn jeder einzelne um sein persönliches Risiko wüsste und wie er es senken kann, könnten besorgte Hamsterkäufe von Desinfektionsmitteln und Mundschützen künftig hoffentlich vermieden werden.

Mit Big Data die Erkrankung verstehen

Würden alle Menschen ihre Gesundheitsdaten für Forschungszwecke freigeben, hätten wir ungeahnte Möglichkeiten, die Epidemiologie, also die Ausbreitung von Erkrankungen mit ihren Ursachen und Folgen zu verstehen. Im konkreten Fall des Corona-Virus wüssten wir jetzt nicht nur, dass es eine bestimme Anzahl von Erkrankten in Deutschland oder auf der Welt gibt, sondern ganz genau: wie alt sind die Erkrankten? Sind es mehr Männer oder Frauen? Hatten sie Vorerkrankungen oder waren sie gesund?

In welchem Gesundheitsstatus waren diejenigen, die schnell genesen sind? Wie ging es denen, die drei Wochen gebraucht haben, um die Erkrankung zu überwinden? Dieses Wissen würde enorm helfen, sehr schnell etwas über die Charakteristik der jeweiligen Erkrankung zu erfahren. Wenn wir wüssten, wer warum wie schwer erkrankt, könnten wir konkretere Empfehlungen zum Schutz formulieren. Auch hier gilt: individuelle Empfehlungen geben Sicherheit.

Künstliche Intelligenz hilft bei der Selbstdiagnose

Chatbots oder Diagnose-Apps wie „Ada“ könnten bei der Diagnose des Coronavirus helfen. Berichten Nutzer von Symptomen wie Fieber, Kurzatmigkeit oder trockenem Husten, können in solche Instrumente zur Selbstdiagnose gezielte Folgefragen eingebaut werden wie: Waren Sie kürzlich in China oder in Italien? Hatten Sie Kontakt zu jemandem, der in China oder Italien war?

Auf diese Weise kann jeder zu Hause einfach herausfinden, ob er sich mit seinem Arzt in Verbindung setzen oder sich testen lassen sollte. Arztpraxen und Notaufnahmen könnten entlastet werden.

Telemedizin, Sensoren, Wearables

Es klingt nach Science Fiction, aber in Südkorea soll es dank 5G in diesem Frühjahr Wirklichkeit werden: Der virtuelle Krankenbesuch. Angehörige, die nicht physisch anwesend sein können oder dürfen, beispielsweise weil der Patient unter Quarantäne steht, können sich per Datenleitung als 3-D-Kopie in das Krankenzimmer übertragen lassen. Der Patient sieht die bewegte Projektion seines Besuchers durch eine Augmented-Reality-Brille und kann mit ihr interagieren. Solche technischen Möglichkeiten sind nicht nur Spielerei, sondern geben Patienten die Sicherheit, bei Ausbruch einer Epidemie nicht in die soziale Isolation zu geraten.

Etwas weniger futuristisch, aber genauso hilfreich sind Mittel wie Sensoren oder Wearables. Diese können in Echtzeit Symptome wie hohes Fieber oder Husten registrieren und Risikolandkarten für bestimmte Gebiete erstellen. Videosprechstunden können Arztpraxen entlasten und weitere Ansteckungen in überfüllten Wartezimmern verhindern.

Digitale Grundversorgung

Schon jetzt ist vieles Realität. Denken wir an Getränkelieferanten und Restaurantservices. Die Digitalisierung hilft uns, auf panische „Hamsterkäufe“ zu verzichten, weil wir unsere Vorratshaltung digital überwachen können und Engpässe vermeiden. Unsere digitalen Helfer zuhause, planen und bestellen automatisch die Einkäufe von Toilettenpapier und Nudeln. so übersteht man auch längere Zeiten der Quarantäne oder Ausgangssperren ohne große Probleme.

Datenschutz in der Medizin
Datenschutz in der Medizin

Datenschutz neu denken

Viele Maßnahmen, um in Zukunft effektiv und schnell Epidemien zu bekämpfen, beruhen auf der Auswertung unserer Daten. Anders als beispielsweise in den USA sind wir in Europa häufig skeptisch, wenn es um die Verarbeitung von Gesundheitsdaten geht. In diesem konkreten Fall würde ein sehr streng geregelter Datenschutz, sinnvolle Maßnahmen zur Bekämpfung einer Epidemie unmöglich machen. Wir werden uns in Zukunft fragen müssen, ob unsere jetzigen Konzepte zum Datenschutz funktional sind, um von den Vorteilen des medizinischen Fortschritts profitieren zu können. Denn die Datenverarbeitung an sich bringt uns erhebliche Vorteile. Diese Daten dann vor Missbrauch zu schützen, ist die Aufgabe der Zukunft.

Historisch gesehen haben Epidemien mehr Todesopfer gefordert als Kriege. Berühmtes Beispiel ist die Spanische Grippe vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Neuesten Schätzungen zufolge hat sie 25 bis 50 Millionen Tote weltweit gefordert. Wenn wir die Möglichkeiten der digitalen Medizin gezielt und konsequent nutzen, könnte dies ein Meilenstein sein, um solche Erreger künftig sofort wirksam zu bekämpfen und an ihrer Verbreitung zu hindern.

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