Deutsche Ärzte sind digitalmüde bevor die Digitalisierung angefangen hat

Deutsche Ärzte sind digitalmüde

Eine Petition der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) forderte, alle Anwendungen in der Telematikinfrastruktur (TI) zunächst ein Jahr zu testen, bevor sie eingeführt werden. Das Ergebnis: rund 54.000 Unterschriften. Zu den TI-Anwendungen, die die deutschen Ärzte erstmal wieder ein Jahr aussetzen wollen gehören unter anderem das elektronische Rezept (E-Rezept), die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und die elektronische Patientenakte (ePA).

Die Elektronische Patientenakte – seit 10 Jahren nicht umgesetzt

Bereits 2002 wurde die elektronische Patientenakte (ePA) beschlossen – und bis heute 10 Jahre später nicht umgesetzt. Auch wenn sie am 1. Januar 2021 in einer Testphase gestartet ist, ist eine bundesweite Umsetzung weiterhin nicht in Sicht. Zuletzt dämpften Datenschutzmängel die weitere Umsetzung. Neben diesen Hürden fehlt es aber auch an der Überzeugung der Ärzteschaft, die der Einführung kritisch gegenübersteht. Viele Arztpraxen sind technisch nicht gerüstet.

Dabei liegen die Vorteile klar auf der Hand. Der Zugriff auf Diagnosen, Laborberichte und Therapiepläne ist nicht nur praktisch für Arzt und Patienten. Er kann im Notfall sogar entscheidend sein. Was in anderen europäischen Ländern wie Dänemark und Spanien längst Standard ist, scheitert in Deutschland an technischen Hürden und Vorbehalten von Ärzten und Patienten.

Mangelnde Information

Das Interesse bei den Bürgern ist durchaus vorhanden. In einer Befragung des IT-Branchenverbands Bitkom gaben 76 Prozent an die elektronischen Patientenakte nutzen zu wollen. Bereits in Gebrauch hatten sie allerdings nur 0,5 Prozent der Befragten. Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit wurden bislang ca. 312.000 elektronische Patientenakten angelegt.

Ein Grund für die geringe Nutzung:  Mehr als die Hälfte der Befragten hatte bisher weder von den Krankenkassen noch von Ärztinnen Informationen zur E-Akte erhalten.

E-Rezept in deutschen Apotheken
E-Rezept in deutschen Apotheken

E-Rezept – in deutschen Arztpraxen und Apotheken scheitert es an der Technik

Laut Hannes Neumann, Projektleiter E-Rezept bei der Gematik, sind in Deutschland nur 50 von 120.000 Arztpraxen in der Lage E-Rezepte auszustellen. Und selbst wenn sie es können, die Einlösung in den Apotheken ist dann das nächste Problem. Auch hier hapert es an Technik und nur 100 der 19.000 Apotheken können ein E-Rezept einlösen.

In der Testphase von Juli bis Dezember 2021 wurden gerade einmal 42 E-Rezepte ausgestellt. Und die Einführung zum 1.1.2022 dann gestoppt.

Perfektionismus vor Fortschritt

Der Corona-Expertenrat der Bundesregierung hat deutliche Kritik an der fehlenden Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen geäußert. Nach Meinung des Rats fehlt es in Deutschland an einer umfassenden Reform des Gesundheitswesens mit „Ausleitung, Auswertung und Veröffentlichung von anonymisierten Gesundheitsdaten“ in Echtzeit.

Diese Entwicklung oder eben “Nicht-Entwicklung” ist aus meiner Sicht typisch für den deutschen Perfektionismus. Erst wenn wir glauben, dass alles perfekt funktioniert, wird es umgesetzt. In der digitalen Welt ist das Erfolgsrezept aber Agilität. Das heißt: in kleinen Schritten anfangen, im Prozess lernen und immer weiterentwickeln.

Damit wir international in Bezug auf das Thema Digitalisierung aufholen, wünsche ich mir häufig mehr Mut zur Lücke. Wir setzen mit unserem zögerlichen Verhalten nicht nur unsere innovative Reputation aufs Spiel, sondern wir gefährden in hohem Maße Menschenleben.

Perfektionismus vor Fortschritt
Perfektionismus vor Fortschritt

Jährlich sterben ca. 60.000 Menschen an Medikamentennebenwirkungen

Ein kleines Beispiel: Jährlich sterben ca. 60.000 Menschen in Deutschland an unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten. Ein Großteil dieser Nebenwirkungen tritt wegen Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln oder nicht beachteten Kontraindikationen auf. Die elektronische Patientenakte würde , bei vollem Leistungsumfang, Ärzte bei Verschreibung auf mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten hinweisen, die PatientInnen von anderen ärztlichen KollegInnen verschrieben bekommen haben. Allein dafür lohnt es sich, digitale Technologien, wie die elektronische Patientenakte voranzutreiben.

 

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Quellen:

 

 

 

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