E-Health – Digitalisierung in der Medizin

Fließbandarbeit

Digitale Hilfen in der Medizin durch E-Health

Der Ärztemonitor 2018 zeigt, dass die deutschen Hausärzte durchschnittlich 52 Stunden pro Woche arbeiten und während dieser Zeit 270 Patienten versorgen. Da bleibt für den einzelnen Patienten wenig Zeit. Die Belastung für die Ärzte wächst  und auf der anderen Seite beschert uns E-Health zahlreiche digitale Hilfen.Wo geht der Weg des Hausarztes hin? Zum gestressten Fließbandmediziner oder zum multimedialen Gesundheitsmanager. Darüber habe ich mit einem engagierten Hausarzt gesprochen.

Allgemeinmediziner Dr. Martin Oremus schaut über den Tellerand

Dr. Martin Oremus  ist niedergelassener Allgemeinmediziner aus Leidenschaft und schaut stets über den Tellerand hinaus. Bei seiner Arbeit geht es ihm stets darum, was man neben der sogenannten schulmedizinischen Diagnostik und Therapie noch für die Patienten und den Menschen tun kann. Das hat ihn dazu bewogen, als Hausarzt an die Basis zu gehen. Er freut sich, dass es endlich langsam vorangeht mit der Digitalisierung der Medizin. Er sieht darin eine große Unterstützung und Bereicherung der ärztlichen Tätigkeit, aber er weiß auch, dass die Entwicklung erst am Anfang steht und noch viel zu tun ist.

Allgemeinmediziner Dr. med Martin Oremus
Allgemeinmediziner Dr. med Martin Oremus

Interview mit Dr. Martin Oremus

Welche Bereiche umfasst aus Ihrer Sicht die digitale Medizin?

Das ist ziemlich vielfältig und manchmal verschwimmen die Grenzen. Die wichtigsten Bereiche sind aus meiner Sicht: Big Data, künstliche Intelligenz, Präzisionsmedizin, Patientenaktivierung, Patientenzentrierte Versorgung, Telematik und Telemedizin, E-Rezepte, Medikationspläne und Value-based Care.

Wo liegen für den niedergelassenen Arzt die größten Potentiale von E-Health ?

Diagnose – Apps und eventuell auch Therapieempfehlungs-Apps könnten die ärztliche Arbeit sinnvoll und auch zeitsparend unterstützen. Hier ist, als bereits im Test dem Arzt größtenteils überlegen, eine Hautkrebsscreening-APP zu nennen.

Weiterhin könnte die Gesundheitskarte mittels Telematik-Infrastruktur Geld- und Zeit sparen durch Vermeidung von Doppeluntersuchungen und schnelleren Befundmitteilungen zwischen verschiedenen Arztgruppen und Krankenhäusern sowie Apotheken, Pflegediensten und Krankenkassen.

Auch Videosprechstunden können in bestimmten Fällen Kosten für Transport sowie längere Wartezeiten ersparen, besonders auf dem Land und sind auch weniger Personalintensiv. Auch Blickdiagnostisch könnte entschieden werden, ob, und wenn ja, wo eine ärztliche Vorstellung sinnvoll ist im Sinne einer Lotsenfunktion.

Ich sehe allerdings auch reichlich Probleme, Grenzen und Hürden. Mir sind einige Fälle von Burnout- bei Kollegen bekannt. Es gibt viele Lücken bei der Cybersicherheit und dadurch bedingt Grenzen bei der Implementierung der Telemedizin. Mit den digitalen Möglichkeiten sind viele Patienten durch die mangelnde Benutzerfreundlichkeit elektronischer Gesundheitsakten überfordert.

… und dann  haben wir noch das Problem der Honorierung digitaler Leistungen.

Bei der elektronischen Gesundheitsakte hat der Patient Zugriff  auf alle seine Gesundheitsdaten. Wie wirkt sich das auf das Arzt-Patientenverhältnis aus?

Von psychiatrischen Fällen ausgenommen, hat jeder Patient schon lange das Recht auf Einsicht in alle ihn betreffenden medizinischen Unterlagen. In meinen Augen sollte dies das Arzt-Patienten-Verhältnis nicht in außergewöhnlicher Weise betreffen. Bei manchen Diagnosen könnte es aber Gesprächsbedarf geben, so dass der Arzt noch mehr mit „offenen Karten“ spielen muss. Zu Bedenken ist auch, dass manche Patienten tatsächlich nicht mit diesen Informationen umgehen können, z.B. Angstpatienten. Aus meiner Sicht spricht aber grundsätzlich nicht dagegen.

Es wird mehr Möglichkeiten des Selbstmanagement von Patienten mit chronischen Krankheiten geben. Welche Konsequenzen hat das für ihre Arbeit?

Ich finde, Selbstmanagement des Patienten in jeder Hinsicht begrüßenswert und es sollte durch den Arzt in möglichst allen Belangen unterstützt werden. Die ärztliche Aufgabe ist es unter anderem, Diagnostik und Therapie durchzuführen und den Patienten im Verlauf einer chronischen Krankheit im Selbstmanagement und den Selbstheilungskräften zu unterstützen. Die Hauptarbeit  liegt im täglichen „Tun“ des Betroffenen. Das fängt mit der Therapietreue des Patienten an.

Weiter geht dies mit der ärztlichen Beratung und Begleitung sowie Verlaufskontrollen des Patienten. Dies betrifft auch die Unterstützung in allen Lebensbereichen wie Beruf, Ernährung, Bewegung und Soziales sowie dem wichtigen Umgang mit seiner chronischen Erkrankung und der Krankheitsverarbeitung. Wird dies zusätzlich mit E-Health durch Apps und Messgeräte wie Armbanduhren mit zukünftiger Übertragung in Medizinische Einrichtungen, sowie Internetangeboten gefördert, umso besser!

In der neuesten Ausgabe des PWC Gesundheitsmonitors ist mangelnde Zeit des Arztes auf Platz 1 der größten Unzufriedenheiten der Patienten. Was muss passieren, damit Ärzte wieder mehr Zeit für Patienten haben?

Das ist sehr interessant und sehr vielschichtig. Einige Aspekte möchte ich ansprechen. Zunächst mal ist Zeit  relativ. In der Regel meint dieser  Vorwurf der Patienten an die moderne und hochgerüstete Medizin und den Ärzten eigentlich was anderes. Es geht dabei um die Zuwendung des Arztes an den Patienten, um zuhören, darum, den Patienten und seine individuellen Beschwerden und Sorgen ernst nehmen, ihn dort abzuholen, wo er sich gerade befindet.

Um Empathie. Das bedeutet natürlich auch, das sich der Arzt dafür Zeit nimmt, das geht nicht bei einer „3-, 5- oder 7-Minuten“-Medizin. Und häufig ist so ein empathisch-zeitintensiver Einsatz auch nicht bei jedem Arzt-Patienten-Kontakt notwendig oder immer von Seiten des Patienten gewünscht. Aber die Ärzte sollten nach Möglichkeit dafür offen und bereit sein. Diese Offenheit, Anteilnahme und Empathie führt nicht immer, aber häufig zu besseren Ergebnissen in der Compliance und zu einem besseren Outcome in der Therapie und Genesung.

Was müsste sich dafür verändern?

Schon während des Medizinstudiums sollten alle angehenden Mediziner mit den herausragenden und positiven Möglichkeiten der Arzt-Patienten-Kommunikation und der Arzt-Patienten-Beziehung vertraut gemacht werden und deren Techniken erlernen. Ebenso gehört Empathie zu jedem guten Arzt-Patienten-Kontakt und -Verhältnis dazu.

Die Honorierung im Medizinsystem belohnt eher  technische Untersuchungen und auch eine „Mengen“-Steuerung.. Ein empathischer zeitaufwendiger Patienten-Kontakt ist nicht kontrollierbar im Alltagsgeschehen. Am Ende muss der Arzt das tun, was er am besten kann und der Patient sich den Arzt aussuchen, der seinen Wünschen am nächsten kommt. Die technische Hochleistungsmedizin und die empathische Medizin nach dem biopsychosozialen Modell müssen sich in optimaler weise ergänzen und beides muss sich auch entsprechend „lohnen“, also auch attraktiv für die Medizin und die tätigen Ärzte im Sinne für ihre Patienten sein.

Die größte Angst der Patienten bei Fernbehandlung  sind Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen. In wieweit ist diese Angst berechtigt?

Das Risiko und die Sorgen bezüglich Fehldiagnosen und daraus resultierende Fehlbehandlungen bestehen immer in der Medizin. Im Krankenhaus, beim Spezialisten, durch das Internet und auch durch „Diagnose-Apps“. Dies muss immer mit bedacht werden und durch Verlaufsbeobachtungen müssen gestellte Diagnosen und Therapieansätze immer wieder neu hinterfragt werden. Und bei der Videosprechstunde bestehen schon gute Möglichkeiten durch Anamnese und Befragung sowie durch das „Ansehen“ sich ein gutes Bild von den Beschwerden eines Patienten zu machen und daraus die weiteren Maßnahmen zu ergreifen.

Also Verdachts- bzw. wahrscheinlichste Diagnose, weitere Untersuchungen notwendig zur Absicherung der Diagnose oder der Differentialdiagnosen, Therapiebeginn mit Verlaufskontrolle oder eben Weiterleitung an eine Praxis bzw. an ein Krankenhaus je nach Fall und Dringlichkeit. Wenn jedem Arzt, aber auch dem Patienten, dies bewusst ist, ist die Videosprechstunde je nach Umständen ein weiterer Zugewinn in der Kontaktaufnahme zum medizinischen Sektor.

Wie verändert E-Health das Arzt-Patienten-Verhältnis?

Hier sollte sich  nicht dramatisch viel verändern, sondern die vielen Möglichkeiten könnten möglicherweise den aktuell hohen medizinischen Standard noch weiter verbessern. Ich denke da z. B. an Befundübertragungen auf elektronischen Weg an ausgesprochene Spezialisten weit entfernt vom Wohnort, Absicherung und Kontrolle der Medikationspläne, von Arzneimittel-Wechselwirkungen verschiedener verordneter Medikamente durch verschiedene fachärztliche Verordner, der Gesundheitsakte, die den verschiedenen Institutionen schnell wichtige Informationen liefern kann. Elektronische Terminvergabe, die Videosprechstunde wie oben beschrieben. Übertragungen von Echtzeitdaten wie Herzfrequenz, Herzrhythmusstörungen oder Blutzuckerwerte an den betreuenden Arzt.

Wir sollten immer auch kritisch den Nutzen und die Risiken einzelner technischer Entwicklungen im Auge behalten und die Weiterentwicklung nützlicher Verbesserungen fördern.

Entmenschlicht die Digitalisierung die Medizin?

Ich sehe keine große Gefahr  einer Entmenschlichung in der Medizin durch die Digitalisierung.

Risiken sehe ich in einer sehr hohen Anspruchshaltung aller Beteiligten an die Hochleistungsmedizin und die Probleme der Finanzierung.  Die Menschen werden immer älter und der Bedarf an medizinischen und pflegerischen Leistungen wächst  weiter, ohne dass ich erkennen kann, wie wir uns für die Zukunft darauf vorbereiten, um einen Kollaps zu verhindern.

Warum werden Maschinen den Arzt nicht ersetzen können?

Zumindest wird es noch lange dauern, bis man die künstliche Intelligenz (KI)  soweit entwickelt hat, dass eine Maschine mit KI so „denkt“, wie ein Mensch mit seiner schon vor Geburt beginnenden psychosozialen Entwicklung und den daraus resultierenden Erfahrungen und den besonderen Fähigkeiten des Gehirns. Wo klare Gesetze und Regeln herrschen, wie bei Spielen oder Kriterien beim Hautkrebsscreening, da ist die KI schon dem Menschen voraus und sollte auch entsprechend genutzt werden. Der Mensch selbst ist aber sowohl genetisch wie auch von seinen bisher gemachten Erfahrungen und damit auch seiner Reaktionsweisen so unterschiedlich, dass noch lange Zeit nur ein Mensch die komplexen Symptome und deren Bedeutung in biopsychosozialer Weise so deuten kann, dass sie  bei Diagnose und Therapie helfen. .

Was halten Sie davon, das KI bei Ärzten in Zukunft Anamnese, Diagnose   und Therapievorschläge macht?

Ich habe damit keine Probleme, ganz im Gegenteil. Wenn die Entwicklung der KI soweit fortgeschritten ist, dass dies auch funktioniert, sehe ich das als gute Hilfe im Vorfeld an, die dann im Weiteren verifiziert werden muss. Wichtig ist und bleibt  eine gute medizinische Ausbildung, die weiterhin die Anamnese, Diagnose und Therapie beinhaltet. Nur so kann der Mensch in schwierigen Fällen die individuelle Beurteilung jenseits von Algorithmen vornehmen  Und auch Fehlbeurteilungen der KI korrigieren. In vielen Fällen wird ein Arzt-Patientenkontakt noch lange Zeit unabdingbar bleiben.

Welches sind die Hauptaufgabenfelder des Arztberufes  2030?

Meiner Ansicht nach wird der Arztberuf sich noch längere Zeit nicht wesentlich verändern. Es wird aber weitere Spezialisierungen geben, da täglich so viele neue Erkenntnisse gewonnen werden, die diese Spezialisierung benötigen, um bestmöglich aufgestellt zu sein.

Weniger Veränderung sehe ich allerdings in der Basismedizin (Hausarzt, Orthopädie, Gynäkologie, Hautarzt u.a.). Hier spielt weiterhin das Arzt-Patientenverhältnis die entscheidende Rolle und die größte Anzahl der Arztbesuche bleiben weiterhin sogenannte Bagatellerkrankungen. Hierbei muss der Arzt unabhängig von der ganzen Spezialisierung, Digitalisierung und KI (die ihm in Zukunft vielleicht dabei helfen kann) die „schweren“ Erkrankungen herausfinden und weiterleiten und die anderen nicht bedrohlichen Erkrankungen, die auch häufig stressbedingter und psychischer Natur sind, weiter behandeln oder ebenfalls an andere Ärzte oder Psychologen überweisen.

Wie beeinflusst das Internet die Patientenkommunikation?

Die Patienten kommen jetzt häufiger vorinformiert in die Praxis. Als Arzt begrüße ich diese Vorabbeschäftigung der Patienten mit seinen Beschwerden. Im Gespräch und der Untersuchung muss dann, wie auch sonst, herausgefunden werden, was hier wirklich vorliegt und daraus resultierende Konsequenzen gezogen werden. Bei Angstpatienten ist die Vorbeschäftigung im Internet meistens keine gute Idee, da die ungefilterten Informationen nur noch mehr Sorgen und Ängste schüren. Dies bedeutet dann in der Praxis  deutlich höheren Zeitaufwand.

Problematisch sind und waren auch schon vor der Internet-Zeit abstruse Denkmodelle, die jetzt eine viel schnellere Verbreitung im Internet finden. Man könnte dies auch Fake-News im medizinischen Sektor bezeichnen. Ich denke hier an Impfgegner oder Wunderheilungen durch Hand auflegen oder irgendwelche dubiosen Tropfen oder Ozontherapie, Meinungen, das  alle Tabletten Gift sind, Überzeugungen der Zeugen Jehovas und vieles andere mehr. Hier kann man aus ärztlicher Sicht versuchen, auf dem aktuellen Stand des Wissens zu argumentieren, aber manchmal lassen sich solche Überzeugungen auch nicht ändern und auch damit müssen wir leben.

Wird der Arzt in Zukunft um Patienten kämpfen müssen?

Das sehe ich nicht so. Die meisten Menschen werden noch länger zu Ärzten gehen. In Zukunft könnten Ärzte aber durch KI unterstützt werden, auch, um die zunehmenden Anforderungen zu bewältigen. Ich gehe zurzeit noch davon aus, dass es in Deutschland und Europa eher einen Ärztemangel geben wird. Schon jetzt werden trotz einer großen Zahl an Ärzten in Deutschland die Wartezeiten zunehmend länger und das trotz einer immer größer werdenden Zahl an zugewanderten Ärzten. In England und in der Schweiz herrscht jetzt schon ein relevanter Arztmangel.

Unterstützt wird das auch durch eine Politik, die sich im allgemeinen zu sehr immer wieder primär um die nächsten Wahlen kümmert, Milliarden in weitere „Wohltaten“ für die Wähler/Volk steckt, was in Zukunft weiter viele Milliarden zusätzlich kosten wird. Auf der anderen Seite werden falsche Anreize gesetzt, durch immer mehr Regulierungen und weiter ausufernde Bürokratisierungen. Dies auch zunehmend in ärztlichen Bereichen, so dass die Gefahr besteht, dass noch weniger fertige Medizinstudenten/junge Ärzte in die Niederlassung gehen. Dieser Trend zeichnet sich schon länger ab und wird noch befördert durch so Wahnsinns Ideen, den Ärzten Arbeitszeiten zu diktieren, Öffnungszeiten vorzuschreiben und wie sie Termine zu vergeben haben.

Ich denke, die Patienten werden froh sein, wenn sie in einer angemessenen Zeit zu einem Arzt können, der dann auch noch genügend Zeit hat bei allerdings höherem Patientenaufkommen. Anders gesagt, der Arzt wird sich möglicherweise noch weniger Zeit nehmen können, um alle wartenden Patienten „abarbeiten“ zu können. Dann bleibt wirklich nicht viel Zeit zum Reden und KI könnte dann wichtiger sein, als wir es uns heute noch vorstellen können.

Vielen Dank an Dr. Martin Oremus für dieses spannende Gespräch

 

Für heute gibt es wieder eine Whats Next Frage an alle Ärzte und Patienten:

Was ist Ihr Vorschlag, damit Ärzte wieder mehr Zeit für das Gespräch mit dem Patienten haben?

Ich bin gespannt auf Ihre Meinung!

Herzlichst Ihr Gerd Wirtz
www.facebook.com/Dr.Gerd.Wirtz

www.gerdwirtz.de

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